Eine etwas ältere Kurzgeschichte von mir. Ursprünglich war das eine Übungslektion mit dem Auftrag, eine Shortstory von max. 500 Wörtern zu schreiben.

In der Nacht hatte Hilde einen Traum. Ein Engel, ganz in weißes Licht gehüllt stand in ihrem Zimmer. Seine strahlenden Flügel weit ausgebreitet, hatte er auf Hilde hinabgeschaut. Er lächelte sanft und verkündete ihr seine Nachricht.

„Der Herr hat noch eine letzte Aufgabe für dich, dann wirst du von deinem irdischen Dasein erlöst.“ Mit glockenheller Stimme teilte der Engel der alten Frau mit, was Gott von ihr erwartete.

Das Herz der alten Frau hatte heftig gegen ihren Brustkorb geklopft. Ihr war der Traum so real vorgekommen, dass sie gedacht hatte, sie wäre wach. Doch als sie sich endlich aufgerappelt hatte, war sie allein in ihrem kleinen Zimmer in dem Pflegeheim, in dem sie jetzt schon seit vielen Jahren wohnte. Nur das leise Ticken in der Heizung war zu hören.

Zum Frühstück hatte sie allen von ihrem Traum in der Nacht erzählt. Und alle hatten sie ausgelacht. Sogar Gerhard, mit dem sie immer Bridge spielte und der ihr schon so oft seine Liebe gestanden hatte.

Doch Hilde war überzeugt, dass ihr im Traum ein Engel begegnet war, und sie hatte ihren Auftrag erfüllt. Sie war mit ihrem Rollstuhl in das Zimmer von Inge gefahren, hatte sich neben sie an das Bett gestellt und Inges Hand in ihre genommen. Inge war es in den letzten Wochen immer schlechter gegangen. Sie wurde beatmet und keiner wusste, was sie überhaupt noch mitbekam. Eigentlich mochte Hilde Inge nicht einmal besonders. Früher hatten die beiden sich immer gestritten. Aber jetzt? Jetzt tat sie ihr nur noch leid. Seit Monaten hatte niemand mehr Inge besucht. Sie war ganz allein auf der Welt.

Hilde hielt Inges Hand und weil sie nicht wusste, was sie ihr sagen sollte, sang sie einfach für sie. Nach einer Weile, als ihr keine Lieder mehr einfielen, las sie ihr aus der Bibel vor. Und dann war es soweit. Das durchdringende Piepen der Überwachungsanlage sagte Hilde, dass ihr Auftrag erfüllt war. Inge war gegangen, genau wie der Engel es angekündigt hatte. Und Hilde hatte sie in der Stunde des Todes nicht allein gelassen.

Jetzt stand Inge mit ihrem Rollstuhl unter dem alten Ahornbaum im Park des Altersheims und wartete auf den Engel. Er hatte ihr versprochen, dass er sie holen würde, noch heute Nachmittag. Hilde lächelte. Und wenn sie gegangen war, dann würde niemand mehr über sie lachen, dann würden alle wissen, dass sie einen Boten Gottes gesehen hatte. Alle würden wissen, dass sie keine verrückte alte Frau war.

Die Blätter des Baumes wiegten sich sanft im Wind und schienen ihr etwas zu zuflüstern. Dann schob sich ein Schatten vor die Sonne. Zwei riesige Flügel bewegten sich auf Hilde zu und sie wusste, dass es Zeit für sie war, zu gehen. Mit letzter Kraft streckte sie ihre von Arthritis geplagten Arme der Silhouette entgegen, die sich gegen die Sonne abzeichnete. Ein letzter Atemzug. Ein letzter Schlag ihres Herzens. Dann umhüllten sie warme weiche Federn und Hilde hieß den Tod willkommen.

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