Erster Blick in Hopeless

Ich denke, es wird Zeit für einen ersten Blick in Hopeless, das sich ganz anders entwickelt, als ich es ursprünglich geplant hatte. Es überrascht mich sogar selbst.

Hier für Euch das erste Kapitel zur Einstimmung.
Erscheinen wird das Buch Mitte Juli.

In jeder Hand den Griff eines Trollis stehe ich vor der gregorianischen Villa in einem ruhig gelegenen Außenbezirk Glasgows. Das Haus verfügt über nur zwei Etagen, ist dafür aber sehr lang. Der Garten ist noch genauso gepflegt wie ich ihn in Erinnerung habe. Und auch der nackte Knabe steht noch immer an der gleichen Stelle, in den knubbeligen Fingern einen gespannten Bogen, dessen Pfeil auf den blauen Sommerhimmel gerichtet ist. Von Außen wirkt das Haus mit seinen hohen Rundbogenfenstern wie das ganz normale Zuhause einer wohlhabenden Familie. Keiner würde je darauf kommen, was sich hinter diesen unscheinbaren Mauern tagtäglich abspielt.
Langsam gehe ich die breite Auffahrt entlang, die den Vorgarten, der viel eher ein Park ist, in zwei Hälften teilt. Die letzten vier Jahre habe ich in London verbracht, um englische Literatur zu studieren. In dieser Zeit war ich nicht ein einziges Mal hier. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern, weil meine Mutter es nicht wollte. Jetzt ist mein Studium zu Ende und ich komme mit gemischten Gefühlen zurück nach Hause. Ich freue mich auf die Mädchen. Ich habe sie schrecklich vermisst. Sie sind meine Freundinnen, die einzigen, die ich je hatte. Aber ich habe jetzt auch einige Zeit außerhalb dieser Mauern gelebt und die richtige Welt kennengelernt. Das heißt nicht, dass mir die richtige Welt besser gefällt. Sie ist eben richtiger.
Ich drücke die Klingel und warte. Jemand kichert innen. Mein Herz klopft vor Aufregung. In diesem Haus wird oft gelacht. Alle sind immer glücklich hier. Dafür sorgt meine Mutter. Die Tür geht auf und Ivy steht vor mir. Sie trägt nur ihre Arbeitskluft: ein rosa Babydoll mit dunkelroter Spitze, das sehr gut zu ihren blonden Haaren und den dunkelgrünen Augen passt. Sie sieht mich und kreischt los.
»Hope! Du bist Zuhause!«
Ich lasse die Koffer los und reiße die Arme auseinander. Sie wirft sich gegen meinen Körper und wir hüpfen und kreischen um die Wette. »Ich hab dich vermisst.«
»Wir haben dich auch alle vermisst. Wir haben schon Pläne geschmiedet, nach London zu kommen, aber du kennst ja deine Mutter«, sagt sie seufzend und löst sich wieder von mir. Sie mustert mich aufmerksam. »Du bist alt geworden.«
»Wer hier wohl alt geworden ist? Schau dir mal die Fältchen in deinem Gesicht an. Langsam solltest du dir eine neue Uniform zulegen. Für ein Babydoll bist du viel zu erwachsen.« Ivy ist vierunddreißig und damit zehn Jahre älter als ich. Für mich war sie immer wie eine große Schwester. Sie schnappt sich meine Koffer und zerrt mich in das Haus. Noch bevor die Tür hinter uns ins Schloss fällt, lässt ihre hohe Stimme das Haus erzittern: »Mädels, Hope ist endlich zurück!«
»Scht!«, mache ich und werfe einen flüchtigen Blick auf die prunkvolle Wanduhr in rot und gold, die über der Tür zur Bar hängt. Es ist 17:07 Uhr. Das Destiny hat seit sieben Minuten geöffnet. »Sind keine Gäste da?«
»Doch, einer. Aber der ist fast immer da. Der wohnt schon hier.«
Ich folge ihr in die große Aula, die der Blickfang der unteren Etage ist. Die hohe Decke, von der ein großer metallener Leuchter mit 12 kerzenförmigen Lichtern hängt, wird von vier Säulen getragen. Von dem runden Saal gehen mehrere Türen ab, die in die gemütliche Bar, die verschiedenen Themenzimmer und Wellnessbereiche führen. Eine breite Treppe, deren Stufen von einem dunkelrotem Teppich umhüllt sind, führt in die obere Etage, den privaten Wohnbereich zu dem nur die Familie Zugang hat. Die Familie, das sind meine Mutter, die Mädchen, die hier leben und arbeiten, und ich. Ich – wenn sich nichts geändert hat. Denn wenn es nach meiner Mutter geht, würde sie mich am liebsten sehr weit weg von diesem Haus wissen. Aber ich bin hier aufgewachsen und ich liebe dieses Haus und all seine Bewohner. All das hier hat mir in den letzten Jahren gefehlt: das Kichern der Mädchen, die gemeinsamen Essen an der langen Tafel im Esszimmer, bevor das Etablissement jeden Abend um 17:00 Uhr seine Türen für die männlichen Clubmitglieder öffnet. Dieses Haus ist das wohl exklusivste Freudenhaus der Welt, denn nur Männer, die meine Mutter auf Herz und Nieren geprüft hat, haben hier Zugang. Das macht es für sehr viele Männer zum Geheimtipp und zum begehrtesten Club Schottlands. Aber nur die wenigsten schaffen es in Mutters Karteisysthem. Mutter hat ihre Gründe für dieses Vorgehen und die Mädchen sind ihr dankbar dafür. So wie ich auch.
Ivy hüpft vor mir die Stufen nach oben und verkündet immer wieder, dass ich zurück bin. Ich schüttle lachend den Kopf. Sie war schon immer verrückt und mädchenhaft. Sie hat das sechzehnjährige Mädchen in sich nie abgelegt. Eigentlich ist das gar nicht verwunderlich, denn so versucht sie die Zeit ihres Lebens für sich zu bewahren, in der alles noch sorglos für sie war. In der sie einfach nur ein normales Mädchen war. Als ich oben ankomme, laufen mir zwei weitere Mädchen entgegen. Sie begrüßen mich genauso stürmisch wie Ivy.
»Habt ihr mir noch Kaffee übrig gelassen?«, frage ich und lasse mich von ihnen in das geräumige Esszimmer ziehen. Liv verschlingt ihre Finger mit meinen und führt mich zum Büffet, das wie ich es gewohnt bin, noch immer gleich neben der Tür auf einem Tisch angerichtet ist. Obwohl es schon nach 5 ist, ist das hier für die Bewohner des Destiny das Mittagessen. Der Arbeitstag beginnt in der Villa um 17:00 Uhr und endet in den frühen Morgenstunden. Kaffee gibt es rund um die Uhr. Wahrscheinlich hat mich die ständige Verfügbarkeit von Kaffee zu einem Koffeinjunkie gemacht. An der Tafel in der Mitte des mit dunklen, schweren Möbeln eingerichteten Zimmers, sitzen nur noch zwei weitere Mädchen. Die meiste Zeit leben hier etwa zehn Mädchen, wahrscheinlich sind sie längst in ihren Zimmern und bereiten sich auf den heutigen Arbeitstag vor.
Mit hochgezogenen Augenbrauen erstarre ich in der Bewegung, als mir auffällt, warum Belle so hoch über dem Tisch aufragt, obwohl sie sitzt. Sie sitzt auf dem Schoß von jemandem. Und dieser Jemand beugt sich gerade um Belle herum und mustert mich unter zusammengekniffenen Lidern als wäre ich ein Stück Sahnetorte. Belle winkt mir feixend und rutscht auf dem Schoß des Mannes herum, dessen Finger der einen Hand flach auf ihrem Bauch liegen. Die andere Hand liegt zwischen Belles Schenkeln und war wohl gerade auf dem Weg in ihren Hafen, bevor ich reingekommen bin.
»Seit wann dürfen Männer hier oben sein?«, flüstere ich Liv und Ivy zu. Ivy schenkt mir Kaffee ein und hält mir die Tasse hin. »Das ist Logan Davonport. Deine Mutter lässt ihm so Einiges durchgehen. Unter anderem darf er sich frei im ganzen Haus bewegen, wann immer er will.«
Erstaunt sehe ich Ivy an. »Was? Ist das dein Ernst?«
Sie nickt und grinst breit. »Wenn du wüsstest, was der Mann für ein Feuer hat.«
Liv kichert leise und beugt sich näher zu mir. »Das wird sie nie rausfinden, dafür sorgt Adrienne schon. Aber so wie Logan dich ansieht, weiß er nichts davon. Der Mann ist wirklich unersättlich. Erst vorhin hat er Belle, Emma und Adrienne dazu gebracht, das ganze Haus zusammen zu schreien.«
Ich werfe Logan Davenport einen heimlichen Seitenblick zu. Leider starrt der mich noch immer äußerst interessiert an, so dass der Blick ihm nicht entgeht. Auf seine vollen Lippen tritt ein breites Grinsen. Der Mann ist unfassbar attraktiv. Nicht auf die hübsche Weise, sondern auf die sexy, wilde Weise. Die, die mich dazu bringt, über meine Lippen zu lecken. Ich habe nämlich eine Schwäche für ältere Männer. Nicht alte Männer. Nur die, die etwa zehn Jahre älter sind als ich und schon deutlich mehr Erfahrung mit sich herumtragen, als die Jungs in meinem Alter. Und an diesem Prachtexemplar ist wirklich alles, so wie ich es mir in meinem Träumen gerne zurechtbastle. Belle rutscht gerade von seinem Schoß und mir stockt der Atem bei seinem Anblick. Der Mann sitzt nur in eine enge Jeans gekleidet am Tisch. Das dunkle, nachtschwarze Haar fällt ihm in dicken Wellen wild in sein Gesicht. Es ist kinnlang und verleiht ihm etwas piratenhaftes. Sein Unterkiefer ist sehr scharf geschnitten und sein Kinn ist breit und sehr männlich. So männlich wie auch sein durchtrainierter, muskelbepackter Körper.
»Wenn deine Mutter dich dabei erwischt, wie du ihn ansiehst, wird sie dich an deinen Haaren hier rauszerren und dir den Hintern versohlen.«
Ich löse meinen Blick von Mr Davenport und verziehe schnippisch das Gesicht. »Adrienne muss lernen, dass ich jetzt erwachsen bin. Außerdem hat sie doch auch ihren Spaß mit ihm gehabt.« Meine Mutter steht schon seit Jahren nicht mehr für die Freier zur Verfügung. Seit sie die Vierzig überschritten hat fühlt sie sich zu alt für diesen Beruf. Sie überlässt den Mädchen die Aufgabe, den Männern ihre Wünsche zu erfüllen. Deswegen erstaunt es mich um so mehr, dass sie für Davonport eine Ausnahme gemacht hat. Aber selbst ich werde bei dem heißblütigen Versprechen in den Augen dieses Mannes ganz kribbelig und kann mich kaum zurückhalten. Er sieht mich noch immer an und ich kann nur daran denken, mich wie eine rollige Katze an ihm zu schmiegen.
»Hatte sie, aber du wirst nicht deinen Spaß mit ihm haben, das ist unser Job«, wirft Ivy streng ein.
»Das hatte ich auch gar nicht vor. Aber Frau wird doch wohl mal einen Blick riskieren dürfen, schließlich sieht sie so ein Prachtexemplar nicht jeden Tag«, flüstere ich.
»Mädchen, 17:00 Uhr ist schon seit fünfzehn Minuten vorbei«, gellt die dunkle, raue Stimme meiner Mutter durch das Haus.
»Die Arbeit ruft.« Ivy drückt mir einen Kuss auf die Wange und flattert hüpfend aus dem Esszimmer.
Liv stellt ihre Tasse Kaffee auf den Büffettisch und neigt sich mir entgegen. »Jemand sollte ihm sagen, dass du nicht zum Angebot gehörst. Ich glaube, er denkt, du wärst Frischfleisch.«
»Oder wir sagen gar nichts und lassen der lieben Hope etwas Spaß, bevor der Hausdrachen ihr wieder alles verdirbt«, sage ich und schiebe Liv in Richtung Tür.
Ich schenke mir noch einmal Kaffee nach und werfe einen Blick über die Schulter zurück, wo Logan Davenport sich geschmeidig wie ein Tiger von seinem Platz erhebt und auf mich zukommt.
»Wir beide hatten noch nicht das Vergnügen«, sagt er mit rauer, leiser Stimme, die wie Samt über meine Haut streicht. Ich wende mich zu ihm um und lehne mich lässig mit meinem Hintern gegen den Tisch.
»Hast du Adrienne nicht gehört? Die Schicht geht los. Bestimmt wartet schon ein Kunde auf dich. So ein hübscher Junge wie du hat doch sicherlich eine lange Vorbestellliste.«
Er bleibt etwa zwei Schritte vor mir stehen und legt mit gerunzelter Stirn den Kopf schief. »Es gibt keine Liste mit meinem Namen. Aber deine ist bestimmt ziemlich lang. Gut, dass ich hier ein paar Freiheiten genieße.«
»Da wird leider nichts draus, das Personal darf sich nicht miteinander vergnügen«, sage ich und sehe den Mann ernst an. »Das dürfen wir nur, wenn es ein Job ist. Und da deine Kundschaft wohl kaum wegen der Frauen hierher kommt, werden wir auf ein gemeinsames Spiel verzichten müssen.« Ich lege den Kopf schief, starre in seine faszinierend hellen, silberfarbenen Augen, dann lasse ich provokativ meinen Blick an seinem Körper nach unten gleiten und beiße mir dabei genussvoll auf die Unterlippe. »Eigentlich Schade. Aber Regeln sind nun einmal Regeln.«
Logan beugt sich leicht nach vorne, seine Augen ruhen auf meinem Gesicht. »Vielleicht hast du mich nicht verstanden, aber ich bin Gast hier.«
»Oh«, keuche ich gespielt entrüstet. »Gäste dürfen doch nicht hier hoch. Dass du doch hier bist und – nun ja, dieser leicht tuntige Touch, den du mit dir herumträgst … Also, ich war sicher, dass du schwul bist.«
Er blinzelt und weicht mit weit aufgerissenen Augen einen Schritt von mir zurück. »Also, mir hat man schon viel nachgesagt, aber noch nie, das ich tuntig rüberkommen würde.«
Ich zucke lässig mit den Schultern und stelle meine Tasse neben mich auf dem Tisch ab.
»Da wir das jetzt also geklärt haben …«, knurrt Logan heiser und kommt wieder näher. Seine Finger streichen langsam an meinem Arm nach oben und lassen kleine Flammen auf meiner nackten Haut tänzeln. Ich halte den Atem an. Ich kenne diesen Mann kaum fünf Minuten und schon ruft eine eigentlich harmlose Berührung solche Reaktionen in mir hervor. Mein Herz klopft heftig und ich bin unfähig, meinen Blick von seinem zu lösen. Ich habe noch nie zuvor einen Mann getroffen, der so viel Arroganz, Macht und Selbstsicherheit ausstrahlt wie dieser. Und obwohl keine davon eine lobenswerte Eigenschaft ist, ziehen sie alle mich total an. »Auf was hast du Lust?«
»Hope!«, knurrt eine andere, nicht so erotische, dafür aber mächtig wütende Stimme. Erschrocken fahre ich zusammen und sehe zur Tür in deren Rahmen meine Mutter mit vor der Brust verschränkten Armen steht und mich mit Blicken niederstreckt.
»Ich denke, ich hab wohl anderes zu tun«, flüstere ich Logan Davonport zu und schiebe mich mit einer Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung an ihm vorbei. Meine Mutter schlingt ihre Finger um meinen Oberarm und zieht mich aus dem Esszimmer. Sie ist so wütend, dass ihre schmalen blonden Brauen sich fast über der Nasenwurzel treffen und sich tiefe Falten in ihr Gesicht graben.
»Ethan, würdest du bitte Hopes Sachen wieder in ihr Auto bringen?«
Ethan, der anscheinend der neue Bodyguard im Haus ist, nickt, mustert mich kurz und fährt sich dann über das kurze hellbraune Stoppelhaar.
»Du musst sie nicht ins Auto bringen, aber vielleicht bist du so nett und bringst sie in mein Zimmer? Meins ist das ganz am Ende des Ganges«, sage ich und lächle den breitschultrigen Mann an, der kaum größer ist als ich. Und für einen Mann ist das nicht wirklich groß, denn ich bringe es nur gerade so auf 170 Zentimeter, was vielleicht für eine Frau okay ist, aber für einen Mann? Auf mich wirkt er zumindest nicht halb so beeindruckend, wie Mr Davonport, der gerade im Flur hinter uns auftaucht und mir ein amüsiertes Zwinkern zuwirft.
»Bemüh dich nicht, Ethan. Ich kann das auch machen«, sagt er und ist schon auf halbem Weg zur Treppe.
»Danke, Boss«, meint Ethan und das klingt kein bisschen unterwürfig, sondern eher freundschaftlich.
»In mein Büro«, befiehlt meine Mutter jetzt und zieht wieder an meinem Arm.
»Ich freue mich auch, dich wiederzusehen«, sage ich zynisch, folge ihr aber.
Meine Mutter blickt kühl über ihre Schulter zurück und ihre dunkelgrünen Augen funkeln mich an. Ich weiß, dass dieser Blick nichts Gutes bedeutet.
Kaum hat sie mich in ihr Büro gezogen, wirft sie hinter uns auch schon die schwere Holztür zu. »Ich habe Danas Wohnung für dich herrichten lassen, du kannst sofort einziehen.« Sie geht um den schlichten weißen Schreibtisch herum, der so vor den beiden Rundbogenfenstern steht, dass Mutter hinaussehen kann. Die Bewegung der Bäume im Wind zu beobachten, hat eine beruhigende Wirkung auf sie. Nur wenn sie sich wegen mir aufregt, dann hat das nie geholfen. Ich habe immer verstanden, dass sie sich nur um mich sorgt, aber das muss sie jetzt nicht mehr tun. Ich bin erwachsen. Müde lasse ich mich auf die samtrote Chaiselongue sinken, auf der ich als Kind immer geschlafen habe, während Mutter ihren Bürokram erledigt hat und die Mädchen in ihren Zimmern das nachgeholt haben, was sie während der Nächte nicht tun konnten: schlafen. Tagsüber war es immer sehr ruhig in diesem riesigen Haus gewesen. Wahrscheinlich hat sich bis heute nichts daran geändert.
Als Kind hatte ich keine Ahnung, von dem, was in der unteren Etage passierte. Ich durfte nie dort hin. Alles, was ich wusste, war, dass jeden Abend einige Autos vor dem Haus parkten, aus denen Männer stiegen und dann hörte ich Stimmen und Gelächter von unten bis hoch in mein Zimmer, wo Tante Dana – Mutters beste Freundin aus Kindertagen – auf mich aufpasste, mir vorlas und mich ins Bett brachte. »Ich will nicht in Danas Wohnung, das weißt du. Ich will hier wohnen. Das habe ich immer und es war nie ein Problem.«
»Du hast auch nie gegen die Regeln verstoßen«, sagt sie trocken und sieht mich mit der Gewissheit an, dass ich mich ihr nicht widersetzen kann. Doch das werde ich. Mir ist egal, wie sehr sie mich hier raus haben will. Dies ist mein Zuhause. Sie hat ihren Willen bekommen, als sie mich auf eine Universität in London geschickt hat. Dieses Mal aber werde ich nicht nachgeben.
»Ich habe auch heute nicht gegen die Regeln verstoßen.«
»Du hast mit einem Freier geflirtet«, wirft sie mir vor.
Ich schnaube, reibe mir mit den Fingerspitzen die Schläfen und sehe sie trotzig an. »Ich habe nicht geflirtet, er hat geflirtet. Und das war nicht mein Fehler, sondern deiner. Du hast ihm erlaubt, sich hier oben aufzuhalten.«
Meine Mutter blinzelt nervös und wischt mit ihren Händen über das mitternachtsblaue lange Kleid, das ihr Kompromiss an die Männer ist, die mit bestimmten Erwartungen hierher kommen. Viel lieber würde sie in einem bis zum Hals zugeknöpften Anzug herumlaufen. Der würde aber nicht zu dem passen, für das das Destiny steht. »Du hast mit ihm geschlafen, obwohl du immer behauptest, du stehst für die Männer nicht mehr zur Verfügung«, werfe ich ein. Nicht, weil ich verärgert wäre. Aber ich bin neugierig, warum sie gerade für Logan eine Ausnahme gemacht hat. Was ist so besonders an diesem Mann, dass meine Mutter ihm nicht widerstehen kann?
Adrienne schüttelt den Kopf und weicht meinem Blick aus. »Das geht dich nichts an. Du wirst ihm aus dem Weg gehen.«
Genervt verdrehe ich die Augen. »Ich hatte nicht vor, mit ihm zu schlafen. Und ich werde hier bleiben. Wenn du nicht willst, dass er mit mir flirtet, dann sorge dafür, dass er unten bleibt.«
»Das geht nicht. Ihm gehört die Security Firma.«
Ich reiße erstaunt die Augen auf. »Dann ist er gar nicht wirklich ein Freier? Seit wann lässt du zu, dass die Mädchen mit den Bodyguards schlafen.«
Sie lässt die Schultern sinken und spielt nervös mit einem Stift. »Er ist auch Clubmitglied. Wir hatten ein paar Probleme in den letzten Monaten, also hat er angeboten, seine Männer hier zu postieren.«
Kopfschüttelnd stehe ich auf. Ich bin erschöpft und Müde von der Fahrt. Außerdem verstehe ich jetzt noch weniger, wie es dazu gekommen ist, dass meine Mutter mit einem Geschäftspartner und Kunden geschlafen hat. Vielleicht verstehe ich es ein bisschen, wenn ich daran denke, wie verstörend und anziehend zugleich dieser Mann selbst auf mich gewirkt hat. Aber Adrienne hat recht, er ist und bleibt ein Kunde und ist daher nicht von Interesse für mich. »Ich halte mich von ihm fern, aber ich bleibe.«

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