Kategorie: Blogstory

Blogstory Teil 5

Liam

Es ist heiß heute. Im Moment kann ich nicht sagen, was schlimmer ist, die brennende Hitze draußen vor der Scheune, oder die warme, dicke, stickige Luft hier drinnen, die sich so schwer atmen lässt, als hättest du einen staubigen, dreckigen Lumpen vor Mund und Nase. Ein Gefühl, dass ich während meiner Gefangenschaft kennengelernt habe. In den ersten Monaten waren meine Gefangenenwärter noch kreativ in ihren Foltermethoden.

Ich wische mir über die Stirn, die wahrscheinlich längst genauso ölverschmiert ist, wie meine Hände.

George gibt mir schweigend den Schraubenschlüssel, gesprächig war er noch nie. Aber die Stimmung zwischen uns ist sehr angespannt, wahrscheinlich hat er keine Ahnung, wie er mit mir umgehen soll. Dass haben sie alle nicht. Alle behandeln mich seit meiner Rückkehr wie etwas Zerbrechliches, selbst die Leute der Regierung und der Navy, die mich mehrere Tage lang verhört haben und immer wieder wissen wollten, was ich gesehen, gehört, erlebt habe. Ob ich brauchbare Informationen über die Terroristen habe.

Ich muss versuchen, ihm irgendwie die Scheu vor mir zu nehmen, sonst macht mich dieses Gefühl, bemitleidet zu werden, wahnsinnig. Ich nehme den Schraubenschlüssel und beuge mich wieder über den Motor des kleinen Traktors, den ich mit zehn Jahren zum ersten Mal selbst gefahren habe. Ich habe ihn mitten in den Weidezaun gesteuert und George hat mir den Hintern versohlt.

»Du lebst hier draußen also ganz allein mit einer hübschen Frau«, murmle ich, während ich eine Schraube lockere.

»Hübsch ist sie. Das ist dir also nicht entgangen«, stellt George fest und verzieht die Lippen zu einem breiten Grinsen.

»Unmöglich, diesen Hintern zu übersehen«, sage ich scherzhaft. Aber es ist die reine Wahrheit, dieses Mädchen hat einen traumhaften Arsch, der für Jeans geradezu gemacht ist. Und ihre langen, schlanken Beine sind auch nicht zu verachten.

George sieht mich einen Moment lang ernst an. Er hat diese Art Blick, von der ich weiß, dass er mir etwas sagen wird, dass mir nicht gefallen wird. Mein Magen erkennt diesen Blick auch sofort wieder, denn er verkrampft sich.

»Sie war mit Mark verheiratet. Die Sache ist noch nicht ausgestanden. Dein Kumpel ist ein richtiger Drecksack geworden.«

Ich verziehe das Gesicht und stöhne leise. Mark, ich habe viele Dinge aus meiner Vergangenheit während meiner Gefangenschaft weit weggeschoben und nicht mehr hervorgeholt, weil ich sie nicht mit dem Dreck, den ich erlebt habe, beschmutzen wollte. Mark habe ich nie weggeschoben. An ihm und dem, was unsere Freundschaft zerstört hat, habe ich festgehalten, um mich zu bestrafen, mehr noch, als die Terroristen es je konnten.

»Sollte ich es wissen?«, frage ich möglichst ungerührt und mache mich weiter an die Arbeit.

»Vielleicht später mal.«

Später könnte auch vielleicht nie bedeuten, denn ich werde nicht lange bleiben können. Dies hier ist, auch wenn ich es gern hätte, nicht mehr mein Zuhause, es gehört jetzt ihr. Und auch, wenn ich zuerst wütend war und dieses Zuhause zurückfordern wollte, weiß ich, dass ich es ihr nicht antun könnte. Diese Frau scheint durch und durch gut zu sein und sie hat anderes verdient. Ich werde bleiben, solange ich glaube, dass es für uns beide okay ist.

»Ich habe Iced Tea gemacht.« Ihre weiche Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich hebe den Kopf und mir stockt der Atem für einen Moment. Sie steht dort am Eingang zur Scheune, in den Händen ein Tablett mit Gläsern und einem in der Hitze schwitzenden Krug, und trägt die kürzeste, knappste Shorts, die ich seit sehr langer Zeit gesehen habe. Verdammt, diese Frau muss den Verstand verloren haben! Ist ja nicht so, als hätte ich so einen Anblick in den letzten fünf Jahren häufig gesehen.

Ich lecke mir über die trockenen Lippen. »Danke«, sage ich mit kratziger Stimme und gehe ihr entgegen, um ihr das Tablett abzunehmen. Als ich ihr gegenüber stehe, blickt sie mir in die Augen und ich weiß, Mark ist ein verdammter Idiot. Was auch immer er ihr angetan hat, wäre sie meine Frau gewesen, hätte ich sie nicht mehr gehenlassen. Man macht den gleichen Fehler nicht zweimal. Aber wenn doch? Vielleicht sollte ich mich lieber von ihr fernhalten, denn ich möchte nicht rausfinden, ob ich den gleichen Fehler zwei Mal begehen würde.

Tessa

Liam steht vor mir und greift nach dem Tablett. Irgendwie habe ich die Fähigkeit verloren, meine Finger zu kontrollieren, denn ich kann es nicht loslassen. Stattdessen starre ich auf seine breite, nackte, ölverschmierte und in der Sonne verschwitzt, glänzende Brust. Ich brauche wirklich jedes Fünkchen Kraft, das ich aufbringen kann, um meinen Blick von ihm zu lösen, und das Tablett loszulassen. Wahrscheinlich sollte ich mich entschuldigen, denn seinem breiten Grinsen nach zu urteilen, hat er meinen kurzzeitigen Kontrollverlust bemerkt.

Ich wende den Blick ab und gehe zwei Schritte zurück, um mich aus seiner gefährlichen Nähe zu bringen. Von Kerlen wie ihm sollte ich wirklich genug haben: gutaussehend, gut gebaut, schweigsam und verletzt, innerlich tief zerrissen. Das hatte ich schon. Trotzdem spielen meine Hormone offensichtlich völlig verrückt, wenn ich in seiner Nähe bin.

Liam wendet sich einem kleinen Tischchen zu, auf dem allerlei Werkzeug liegt, das er beiseite schiebt, dann stellt er das Tablett darauf ab. Als er mir den Rücken zukehrt, stoße ich einen schockierten Laut aus, und schlage mir erschrocken auf den Mund. Sein Rücken ist übersät mit Narben. Tiefe, wulstige Narben. Ich habe so etwas noch nie gesehen – wo auch? -, aber ich vermute, diese Narben stammen von Peitschenhieben. Er dreht sich zu mir um und entdeckt wohl meinen Gesichtsausdruck, denn er presst die Lippen fest aufeinander.

»Tut mir leid«, entschuldige ich mich hastig. »Ich hab nur nicht damit gerechnet. Das hat mich irgendwie unvorbereitet getroffen.«

Er konzentriert sich darauf, die Gläser mit Tee zu füllen und kommt mit zwei Gläsern auf mich zu. »Schon okay, ich werde mich irgendwann daran gewöhnen, dass die Menschen so reagieren«, meint er lachend und gibt mir ein Glas, das andere reicht er George, der mit dem Kopf schüttelt.

»Vielleicht später. Ich seh mal nach den Tieren.«

George verlässt die Scheune und lässt mich mit Liam allein zurück. Als mir das bewusst wird, beschleunigt sich mein Puls. Ich werde mir mit jeder Sekunde in Liams Nähe sicherer, dass die lange Zeit allein mit George mir die Fähigkeit genommen haben muss, mit anderen Menschen zu kommunizieren, denn jetzt stehe ich hier mit einem Glas in der Hand und fühle mich völlig hilflos. Was sagt man zu einem Mann, der wohl glaubt, dass ich vor Mitleid mit ihm zergehe. Ich weiß, dass Mitleid genau das ist, was viele Menschen, die Schlimmes gesehen und erlebt haben, nicht haben wollen. Bis auf Mark vielleicht, der vom Mitleid der Menschen um ihn herum profitiert. Dessen ganzes Leben nur auf Mitleid beruht.

Liam hebt grinsend sein Glas an die Lippen und trinkt, dabei tropft Schwitzwasser auf seine schmutzige Brust, was meinen Blick wieder dorthin zerrt. Hastig trinke ich auch einen Schluck, nur um nicht wieder die Kontrolle zu verlieren.

»Könnte von meiner Großmutter sein«, sagt er zufrieden.

»Sie hat mir ihr Rezept gegeben«, erkläre ich und nehme noch einen Schluck, um mich runterzukühlen.

»Es wird wahrscheinlich nicht einfach mit mir werden«, sagt er. »Ich bin kein besonders umgänglicher Typ.«

»Dann sind wir schon zwei.«

»Diese Hosen«, meint er und zieht einen Mundwinkel hoch. »Das schönste, was ich seit sehr langer Zeit zu Gesicht bekomme.«

»Solange es nur die Hosen sind, kommen wir beide klar«, entgegne ich und verlasse die Scheune. Die Hosen dürfen ihm  gern gefallen. Das, was in den Hosen steckt, ist für alle Zeiten fertig mit der Männerwelt. Ich genieße ihren Anblick, gelegentlich habe ich auch mal Lust auf einen Flirt, aber darüber hinaus, lasse ich nichts zu.

 

iced-tea

Blogstory Teil 4

Tessa

Ich stelle eine Tasse mit Earl Grey vor George, der morgens immer Tee trinkt, weil er so früh am Tag keinen Kaffee verträgt, wie er gern behauptet. Dann wende ich mich wieder dem Speck zu, der in der Pfanne brutzelt. Ich unterdrücke ein Gähnen. Seit ich auf der Ranch lebe, stehe ich deutlich früher auf, als ich das in meinem alten Leben getan habe. George besteht darauf, dass die Tier schon vor dem Morgengrauen versorgt werden. Ich habe mich an das frühe Aufstehen gewöhnt, aber in der vergangenen Nacht, habe ich nicht mehr fiel geschlafen, nachdem Liams laute Schreie mich aus dem Schlaf gerissen hatten.

Ich teile den Speck auf die drei Teller mit Ei auf und wende mich aber noch nicht gleich um, um sie auf den Tisch zu stellen. In meinem Rücken redet George auf Liam ein. Man kann am Zittern seiner Stimme hören, wie aufgewühlt der alte Mann ist. Als er vorhin in die Küche kam und Liam am Tisch sitzen sah, ist er in Tränen ausgebrochen und wäre fast in die Knie gegangen, hätte Liam ihn nicht aufgefangen.

»Es ist verdammt schade, dass deine Großmutter das nicht mehr erleben durfte«, sagt George und stößt einen lauten, schweren Seufzer aus. Ich höre ihn ihn seiner Tasse rühren. Er rührt seinen Tee immer lange und ausgiebig um. Lange genug, damit er sicher sein kann, dass kein Zucker mehr auf dem Boden der Tasse liegt.

»Ist es«, gibt Liam leise von sich.

Ihn kann ich viel schlechter einschätzen als George, da ich ihn ja kaum kenne. Ich bin mir nicht sicher, ob er eher traurig ist, weil seine Großmutter nicht mehr lebt, oder ob es ihn überwältigt, dass George noch da ist. Vielleicht ist er auch nur völlig damit überfordert, dass George ihn mit Fragen attackiert.

»Sie hat jeden Tag auf der Terrasse gesessen, die Straße runtergeschaut und zu mir gesagt, dass du eines Tages diesen Weg entlangkommen wirst. Sie war sich so sicher. Und ich konnte es ihr nicht ausreden.« George seufzt wieder und Liam brummt leise.

Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich fühle mich, als wäre ich ein Eindringling, als würde ich hier nicht hergehören. George und Liam, sie gehören hierher, aber nicht ich. Ich atme zitternd ein und nehme zwei Teller, setze ein Lächeln auf und drehe mich zu den beiden Männern um. George sieht lächelnd zu mir auf, aber in seinem Gesicht erkenne ich wie aufgewühlt er ist. Der Junge, den er hat zu einem Mann werden sehen, und von dem er geglaubt hat, er wäre tot, sitzt neben ihm in der Küche, in der sie viele Jahre zusammen gegessen haben. Und ich glaube, er fühlt sich genauso ratlos wie ich, denn sein Blick wirkt auch fragend auf mich.

Liam bedankt sich bei mir, aber sein Blick weicht meinem hastig aus. Wahrscheinlich ist ihm die vergangene Nacht peinlich. Aber das muss sie nicht. Solche Dinge geschehen mit Menschen, die weniger Schlimmes erlebt haben als er. Ich nehme meinen Teller und setze mich ihm gegenüber. Ich kann nicht verhindern, dass meine Augen über seinen Oberkörper gleiten, die breite Brust, die muskulösen Oberarme, die den Stoff des Shirts über die Maßen dehnen. Auf seinem Unterarm entdecke ich eine breite Narbe, die das Tattoo des Seals Team Six in zwei Hälften spaltet. Der Seeadler, der auf einem Anker sitzt, ein Gewehr und einen Dreizack zwischen den Krallen, wird von der wulstigen Narbe geradezu geköpft. Ich frage mich, ob das die Terroristen waren oder er es sich selbst angetan hat?

»Der alte Traktor ist kaputt«, sagt George kauend und schiebt das Ei auf seinem Teller mit der Gabel hin und her, als läge ihm etwas auf dem Herzen und er wüsste nicht, wie er es sage könne.

Liam sieht mich an und dieser Blick aus seinen Augen lässt meine Haut kribbeln. Obwohl seine Augen so hell sind, habe ich das Gefühl, dass sie von Dunkelheit beherrscht werden. Dieser Mann sieht unglaublich attraktiv aus und mein Körper ist sich dessen mit jeder Faser bewusst. Ich weiß, ich sollte wegsehen, aber ich fühle mich wie gefesselt.

»Ich fahre dann in die Stadt und nehme mir erstmal ein Zimmer. Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht«, sagt Liam und widmet sich wieder seinem Essen.

George verzieht enttäuscht das Gesicht. »Du bist gerade erst zurück. Das hier ist dein Zuhause.«

Ich verschlucke mich fast und muss mich anstrengen, Luft zu bekommen. Ich fühle mich plötzlich noch schuldiger. Noch mehr fehl am Platz.

»Jetzt ist es das nicht mehr«, sagt Liam und sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an.

Ja, eindeutig schuldig. Mir dreht sich der Magen um und ich schiebe meinen Teller weg. Ich bin drauf und dran, mich für etwas zu entschuldigen, das nicht meine Schuld ist. Woher sollte ich denn wissen, dass der Erbe dieser Ranch zurückkommen würde?

»Ich brauch jemanden, der den Traktor mit mir repariert«, sagt George trotzig und sieht mich herausfordernd an.

Was bleibt mir anderes übrig? Ich lasse mich von meinen negativen Gefühlen überrumpeln, denn mein Verstand weiß, dass das hier eine wirklich schlechte Idee ist. Aber ich kann ihn doch nicht einfach vor die Tür setzen. »Du kannst bleiben. Vorerst. Solange du willst«, stammle ich, stehe vom Tisch auf, räume hastig meinen Teller und meine Tasse in die Spüle und verlasse die Küche, so schnell ich kann. Ich weiß nicht einmal genau, warum ich es so eilig habe.

Liam

»Na dann wäre das ja geklärt«, brummt George zufrieden, während ich dieser Frau verwirrt hinterher starre. Hat sie denn völlig den Verstand verloren? Sie kann doch einen Wildfremden nicht bei sich wohnen lassen. Noch dazu einen wie mich. Ich will aufstehen und hinter ihr her. Aber im gleichen Moment wird mir klar, dass ich es nicht kann, denn ich will hierbleiben. Weil ich nichts anderes habe, und weil dieser Ort der einzige Ort ist, zu dem ich immer zurückkehren wollte. Für den ich jeden Atemzug gemacht habe, all die Jahre.

Ich beiße die Kiefer fest aufeinander und wende mich George zu, er mich hoffnungsvoll ansieht. Wahrscheinlich würde der alte Mann mich umbringen, wenn ich nicht bleiben würde.

»Sie ist nicht besonders schlau, oder?«, stoße ich leise hervor und wende mich den Eiern zu. Frühstück kann die Kleine machen. Vielleicht schmeckt es mir aber auch nur so gut, weil ich lange nichts mehr gegessen habe, was nicht aussah wie Abfälle, bis auf den Krankenhausfraß, den ich nach meiner Befreiung bekommen habe.

»Doch ist sie, sehr sogar. Sie ist ein tolles Mädchen, hat nur viel durchgemacht.«

Viel durchgemacht? Der Gedanke gefällt mir nicht, aber ich frage nicht nach, weil ich finde, dass es mich nichts angeht. Wenn sie will, dass ich es weiß, wird sie mir davon erzählen. Und wenn nicht, würde ich es auch verstehen. Ich habe auch Dinge erlebt, die ich nicht erzählen möchte. Nicht ihr, nicht George. Niemanden. Aber irgendwie macht sich ein komisches Gefühl in mir breit, eins das mich glauben lässt, ich müsste versuchen, sie zu schützen, so wie sie mich schützt. Denn das tut sie, weil ich sicher bin, dass nur diese Ranch mich davon abhält, zu zerbrechen. Ich brauche dieses Gefühl, zu Hause zu sein. Ich brauche es sehr. Und das, obwohl ich auch in diesem verdammten Kaff eine Vergangenheit habe, an die ich ungern zurückdenke.

»Wollen wir nun diesen verdammten Traktor reparieren?«, will George ungeduldig wissen.

Ich stehe auf, räume unser Geschirr in die Spüle und nicke. »Dann sorgen wir mal dafür, dass ich mich hier nützlich machen kann.«

Blogstory Teil 3

Liam

»Zieh deinen verdammten Schädel ein«, donnert die Stimme von Sgt. Becks durch die Dunkelheit. Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt verstehe, was er brüllt. Überall um uns herum schlagen Granaten ein, fliegen Geschosse durch die Luft, erklingen Gewehrsalven.

Das hier ist ein Hinterhalt, Al-Quaida hat uns erwartet und Serge ist längst klar, dass wir hier nicht mehr rauskommen. Der CH-47 Chinook Hubschrauber hat uns mitten in einem Wespennest abgesetzt und ist dann unter dem Beschuss der Gegner nicht weit von unserer jetzigen Position runtergegangen.

Ich lehne mich gegen den Felsen in meinem Rücken und sehe rüber zu Charles, der mich mit dem Wissen im Gesicht ansieht, dass wir hier sterben werden. Wir werden definitiv nicht den Takur Ghar sichern, um einen Posten auf dem Gipfel errichten zu können. Eine Kugel schlägt neben meinem Fuß in den Boden ein und wirbelt Dreck auf. Ich ziehe meinen Fuß weg und drücke mich noch fester gegen den Felsen, der nicht groß genug ist, um Charlie und mich zu verstecken. Ich schiebe das Nachtsichtgerät von meiner Stirn zurück auf meine Nase und sehe mich nach dem Rest der Truppe um. Serge liegt hinter der Kleinen Anhöhe hinter uns zusammen mit Tom. Davis versteckt sich rechts von uns hinter einem einzelnen Baum. Die anderen kann ich nicht sehen, nur Henson, der direkt links von uns liegt in seinem eigenen Blut, mehrere Kugeln haben seinen Körper zerfetzt. John ist auch tot, aber ich kann ihn nicht sehen. Und Miller liegt direkt vor uns, wenn ich den Kopf über den Felsen hebe, kann ich ihn sehen. Er ist in die Brust getroffen worden. Wenn es ruhig wird, kann ich ihn stöhnen hören.

Er liegt da und wartet, dass wir ihn retten, ihn in Deckung ziehen. Aber die Terroristen warten auch. Darauf, dass wir versuchen ihn zu retten. Deswegen knallen sie ihn nicht ab, weil sie darauf warten, dass wir das Ächzen und Stöhnen unseres Kammeraden nicht mehr ertragen können. Das Flehen, ihn zu retten. Sie warten darauf, dass wir hervorkriechen, damit sie uns umbringen können. Sie verstecken sich um uns herum in Gräben, hinter Felsen und Bäumen, oben auf der Anhöhe. Sie sind einfach überall.

Wir lassen keinen Mann zurück. Das ist unsere wichtigste Regel. Das Seal 6 lässt niemals jemanden zurück. Wir müssen versuchen, Miller zu retten.

»Charlie, hast du noch eine Granate?«, frage ich leise.

»Eine«, antwortet er in die plötzliche Stille. Jetzt ist nur noch das Keuchen von Miller zu hören. Sie lauern.

»Siehst du den Felsen dort drüben?«, frage ich Charlie. »Wirf die Granate in diese Richtung, ich renne zum Felsen, dann werden sie das Feuer auf mich eröffnen und du kannst Miller hinter den Felsen hier ziehen.«

»Sie werden dich erwischen.«

»Werden sie nicht. Und wenn doch, wir sterben hier sowieso alle. Aber wir können Miller dort nicht liegenlassen.«

Ich sehe in die Richtung, in der der Serge liegt. Er wird stinksauer sein. »Bereit?«

Charlie zieht den Sicherungsstift der Granate heraus und nickt. Ich gehe in die Hocke, Charlie wirft die Granate und ich renne in die entgegengesetzte Richtung. Schüsse pfeifen an mir vorbei, schlagen vor meinen Füßen in den Boden ein. Ein heftiger Schmerz zerreißt meinen Oberschenkel, ich knicke ein, stolpere, rapple mich auf, dann brennt meine Brust.

Ich schreie auf, gehe auf alle Vier runter, rasender Schmerz schießt durch meinen Körper, ich breche zusammen, bleibe liegen und schreie auf, als ich ein drittes Mal getroffen werde. Ich schmecke Blut und Dreck. Jemand ruft meinen Namen. Ich soll mich beruhigen. Als ich die Augen öffne, blendet mich helles Licht, etwas berührt meine Schulter, ich schlage um mich, richte mich ruckartig auf und erstarre.

Das hier ist nicht Takur Ghar und auch nicht das Al-Qaida-Camp in der Nähe von Tora Bora.

»Verdammt«, stöhne ich auf und sehe mich verwirrt um. Das hier ist mein Zimmer und die Frau, die dort auf dem Boden liegt und mich aus schreckgeweiteten Augen mit einem blutenden Riss auf der Wange ansieht, ist Tessa Carmichael. »Verdammt!« Ich springe auf und knie mich neben sie. »Es tut mir leid.«

»Sie haben geschrien, ich wollte nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist.« Ich untersuche ihren Wangenknochen, aber sie schiebt meine Hand nur weg und schüttelt den Kopf.

»Das wollte ich nicht«, versichere ich ihr und fühle mich dreckig. Wie der letzte Abschaum. Ich habe eine Frau geschlagen. Sie lässt sich ohne zu zögern von mir aufhelfen, als ich ihr die Hand reiche. Ich kann nicht fassen, dass ich diese zierliche Frau verletzt habe. Mein Herz hämmert und ich möchte mich am liebsten selbst umbringen für das, was ich ihr angetan habe. »Es war ein Fehler, hier zu bleiben.« Ich runzle die Stirn und sehe mich nach meiner Kleidung um. Ich sollte hier verschwinden. Schnell.

»Nein. Nein, es war mein Fehler. Ich hätte nicht in Ihr Zimmer kommen sollen.« Sie legt eine Hand auf meinen Unterarm und sieht mich mit diesem mitleidigen Blick an, den ich so hasse, weil er bedeutet, dass die Menschen wissen, dass ich im Arsch bin. Dass sie mich so ansieht, stört mich irgendwie besonders. Wahrscheinlich, weil sie sowieso schon alles hat, was mir gehört. Jetzt auch noch meine Würde, die vor ihren Füßen herumkriecht. Ich schüttle ihre Hand ab, dann packe ich sie an den Oberarmen und sehe zornig auf sie herunter.

»Tessa, das hier ist meine Schuld. Ich wusste, dass das passieren könnte. Ich verschwinde.«

»Oh nein! Du bleibst. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Du wirst nicht mitten in der Nacht gehen.« Damit dreht sie sich zu Tür um. »Ich hab schon Schlimmeres erlebt als diesen kleinen Hieb. Das war gar nichts.«

Mein Herz stolpert. »Was heißt Schlimmeres?«, frage ich und verspüre plötzlich eine Wut, die ich nicht empfinden sollte. Aber bei dem, was sie gesagt hat, spielen sich Bilder in meinem Kopf ab, die mich rot sehen lassen.

Sie sieht über die Schulter zu mir zurück und lächelt müde. »Geh wieder schlafen!«

Damit lässt sie mich stehen. Mit einer Menge Fragen, die plötzlich in meinem Kopf sind und verwirrenden Gefühlen. Meine Hände zittern und jeder Muskel scheint zu schmerzen in meinem Körper. Wieder nach Hause zu kommen hatte ich mir anders vorgestellt. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Mein Herz rast noch immer und ich spüre, wie sich das Adrenalin durch meine Venen brennt. Ich werfe einen Blick auf das Bett neben mir, in dem ich schon so lange ich denken kann, geschlafen habe. Es hat sich gut angefühlt, wieder darin zu liegen. Eigentlich will ich es nicht aufgeben, aber es wäre auch nicht richtig, Tessa weiter in Gefahr zu bringen.

»Ich schließe ab«, rufe ich ihr hinterher, gehe auf die Zimmertür zu und greifen nach dem Schlüssel, der im Schloß steckt.

»Mach das!«

 

Members of Navy SEAL Team with weapons in action

Members of Navy SEAL Team with weapons in action

Blogstory Teil 2

Der Schatten, den ich durch das Glas erkenne, ist nicht George und auch nicht mein Ex, dafür ist dieser Schatten viel zu groß und breitschultrig. Ich werfe einen flüchtigen Blick neben die Tür, wo die Schrotflinte steht, von der George will, dass sie dort steht, damit ich sie jederzeit benutzen kann, falls der »Idiot von Ex« hier auftaucht. Eine Sekunde überlege ich, ob ich die Schrotflinte jetzt brauchen werde, nicht nur mein Ex könnte mir hier draußen gefährlich werden. In dieser Gegend weiß jeder, dass ich allein hier draußen lebe, nur mit einem alten Mann und einer grundfreundlichen Schäferhündin an meiner Seite. Trixie steht neben mir und starrt erwartungsvoll und mit wedelndem Schwanz auf die Tür. Sie winselt leise. Über Besuch freut sie sich die meiste Zeit deutlich mehr als ich.

»Du bist mir keine Hilfe«, murmle ich zu ihr nach unten. Sie antwortet mit einem langgezogenen Maulen.

Ich öffne die Tür und vor mir steht ein Mann, dessen Gesicht mir wage bekannt vorkommt. In seiner Hand trägt er einen dunkelgrünen Seesack, wie ihn Soldaten besitzen. Er sieht mich mit ernstem, leicht wütenden Blick aus leuchtend blauen Augen an. »Das hier ist mein Haus«, sagt er bedrohlich.

Ich schnappe nach Luft und sehe ihn erschrocken an. Mein Blick geht wieder zur Waffe, aber er hat sie sich genommen, bevor ich überhaupt in Erwägung ziehe, sie zu benutzen. »George hat schon immer Wert darauf gelegt, dass die hier steht« erklärt er knapp.

Laut winselt drückt sich Trixie an mir vorbei und springt den Mann an. Er kniet sich vor sie, streichelt sie und umarmt die Hündin, die ihm bellend und heulend das Gesicht leckt.

»Sie sind der Enkel von Rose«, stelle ich fest.

Er steht wieder auf, seine Hand ruht auf Trixies Kopf, die sich brav neben ihn setzt und ihn ansieht, als würde Gott neben ihr stehen. »Bin ich, und deswegen gehört dieses Haus mir.«

Ich mustere den Mann, der mit Jeans und Shirt vor mir steht. Wahrscheinlich hat er nicht einmal unrecht. Rose wird ihm diese Ranch vererbt haben, da man ihn aber für tot hielt, wurde sie an mich verkauft. »Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber die Besitzurkunde ist auf meinen Namen ausgestellt. Ich habe die Ranch der Bank abgekauft.«

»Der Verkauf war nicht rechtens. Wie Sie sehen, lebe ich noch und ich hätte die Ranch meiner Familie niemals verkauft.«

Ich sehe den Mann mit zitternder Unterlippe an und bin völlig überfordert. Ich habe keine Ahnung, wie ich hierauf reagieren soll. Natürlich habe ich seine wundersame Befreiung in den Medien verfolgt – das halbe Internet war voll damit -, aber ich habe nicht daran gedacht, dass er zurückfordern könnte, was ihm gehört hat.

»Hören Sie, ich weiß nicht, was wir jetzt tun können. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich dies alles hier gekauft habe, und zwar ganz legitim.«

Er verzieht das Gesicht, dabei zieht er seine rechte Augenbraue so hoch, dass die Narbe direkt darüber, jetzt einen noch steileren Bogen um seine Braue herum nimmt als sie es sonst tut. »Das ist mein Zuhause. Ich hab die letzten fünf Jahre in der Hölle verbracht und ich will jetzt nur nach Hause.«

Ich schlucke, weil ich ihn gut verstehen kann, aber ich bin auch ratlos. Sollte ich vielleicht George dazu holen? Liam tut mir leid und er sieht müde aus. Und ich möchte mir nicht annähernd vorstellen, was er durchgemacht hat, während seiner Gefangenschaft. Er müsste im Alter meines Ex-Ehemanns sein, von ihm weiß ich, dass Liam und mehr mal Freunde waren. Er hat oft von ihm gesprochen. Schon auf dem College, als wir und kennengelernt haben.

»Lassen Sie uns drinnen weiterreden«, schlage ich vor, trete zur Seite und lasse ihn in mein Haus. Ob das eine gute Entscheidung ist, darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Aber irgendwie vertraue ich ihm. Obwohl ich es wahrscheinlich nicht tun sollte, denn Marks Freunde sind alle gleich. Und wenn Liam einmal sein Freund war, dann sollte ich eigentlich genau wissen, dass das hier nur ein Fehler sein kann.

Er sieht sich kurz um, tätschelt Trixies Kopf und folgt mir mit ihr dann in die Küche. Hier draußen ist die Küche der Raum, in dem sich das halbe Leben abspielt. Die Menschen hier verbringen viel Zeit und viele Gespräche in der Küche. Ich komme aus Jamestown, wo man seine Gäste zumeist ins Wohnzimmer führt, aber in den zwei Jahren, die die Ehe mit Mark angedauert hat, habe ich manche Eigenheiten des Lebens auf dem Land übernommen.

»Sie haben alles gelassen wie es war«, stellt er fest, lehnt seinen Seesack gegen einen der hellgelben Küchenschränke und setzt sich an den Tisch.

»Ja, habe ich«, antworte ich nervös. Die Küche ist nicht besonders groß, aber mit diesem Mann in ihrer Mitte wirkt sie noch viel kleiner, was nicht nur an seinen gut 1,80 Metern, den breiten Schultern und den vielen Muskeln liegt, es liegt auch an dem, was er erlebt hat. Es geistert jede Sekunde durch meinen Kopf. Vor mir sitzt ein Mann, der wahrscheinlich die schlimmsten Jahre hinter sich gebracht hat, die man sich vorstellen kann. Und das schüchtert mich ein. »Möchten Sie etwas trinken?«

»Kaffee«, sagt er knapp, verschränkt die Finger auf dem Tisch und sieht mich abwartend an. »Es tut mir leid, dass ich hier so einfalle, aber dass die Ranch verkauft wurde, habe ich vorhin erst erfahren. Ich hab keine Ahnung, was ich jetzt tun soll. Wenn ich ehrlich zu Ihnen sein soll, dass es das hier gibt, dass die Ranch auf mich wartet, war der Grund, der mich überleben ließ.«

Ich zucke innerlich zusammen, wende mich bestürzt von ihm ab und gebe Wasser und Kaffeepulver in die Maschine. »Das tut mir leid. Wirklich, aber jetzt ist sie mein Zuhause und ich habe auch nichts anderes als diese Ranch.«

Er seufzt. »Ich weiß nur nicht wohin.«

Liam wirft mir einen so traurigen, erschöpften Blick zu, dass es mich innerlich zerbrechen lässt. Da steht dieser Mann vor meiner Tür, ein Soldat, der einen Albtraum durchlebt hat und nur nach Hause will und dann feststellt, dass sein Albtraum noch kein Ende gefunden hat. Was soll ich nur tun? Ich stelle ihm eine Tasse mit Kaffee auf den Tisch, schenke auch mir eine ein. Was macht es schon, dass es schon viel zu spät für Kaffee ist, ich werde ohnehin nicht schlafen können.

»Sie können heute Nacht erstmal bleiben und dann sehen wir weiter«, schlage ich vor.

Blogstory Teil 1

Bella schnaubt leise, sie dreht mir ihren Kopf zu und schnuppert an meinem Unterarm. Ihre Lefzen zupfen an meiner Haut und krabbeln mich. Ich lache leise, streichle ihr über ihre große dunkle Nase und striegle weiter ihr wundervoll in der untergehenden Sonne schimmerndes schwarzes Fell. Die in die Tage gekommene Friesin habe ich zusammen mit dieser Ranch vor ein paar Monaten gekauft. Manchmal glaube ich, sie liebt unser ruhiges, zurückgezogenes Leben genauso sehr wie ich.
Sie abends zu striegeln, während im Westen, hinter den Rocky Mountains, die Sonne untergeht und die Gipfel der Berge blutrot färbt, ist zu unserem Ritual geworden.
Meine Ranch ist die kleinste hier in der Gegend. Es gibt hier nur das kleine zweistöckige Farmhaus mit zwei Zimmern, einen Stall, in den fünf Pferde passen, in dem aber derzeit nur zwei Boxen bewohnt sind, eine Scheune, zwei Koppeln und den alten George, der schon immer auf dieser Ranch Vorarbeiter war und der sich geweigert hat, sie zu verlassen, nur weil ich sie gekauft habe. George ist ein ruhiger, brummiger alter Mann, der 45 Jahre seiner 67 Lebensjahre auf dieser Farm verbracht hat. Er wohnt in der kleinen Wohnung über der Garage, und da er nichts anderes als das hier kennt, teilt er sich die Einsamkeit der Ranch jetzt mit Bella, ihrer Tochter Camilla, der Schäferhündin Trixie und mir.
Leider ist George auch zu alt, um alle anfallenden Reparaturarbeiten auf der Ranch zu erledigen, und ich handwerklich zu ungeschickt. Ich weiß, wie man ein Buch schreibt, in seinem Blog über Kirschmarmelade und Maisbrot berichtet, aber wie man einen Zaun repariert, davon habe ich keine Ahnung. Und der Zaun der Südkoppel, sollte unbedingt repariert werden, solange können Bella und Camilla sie sonst nicht mehr benutzen. Es fehlt mir auch nicht am Geld, um jemanden kommen zu lassen, sondern an willigen Handwerkern. Denn keiner, der was auf sich hält, würde freiwillig hier raus kommen, um etwas für mich zu tun. Und deswegen mute ich George viel zu viel zu. Obwohl ich versuche, ihn davon abzuhalten, auf Dächer zu steigen, um Löcher zu reparieren, er tut es trotzdem, weil es getan werden muss. Und »die Idioten aus der Stadt einen ordentlichen Schlag gegen ihre Hohlrüben verdient hätten«, wie er es gern formuliert.
»Also dann mein Mädchen, du bist jetzt schön genug für die Nacht«, sage ich, hebe das Halfter auf, das neben mir im Gras liegt und lege es ihr an. Zur Antwort schnaubt sie wieder bloß. Unsere Unterhaltungen sind leider immer so einseitig. Ich führe sie zum Tor der Koppel, dann den befestigten Weg am Haus vorbei zum Stall und in ihre Box. Gemeinsam mit George habe ich die Trennwände zwischen den Boxen herausgenommen, so können sich Bella und ihre Tochter frei bewegen. Bella hat es mir nicht gesagt, aber ich glaube, mit ihrer neuen Wohnsituation ist sie sehr zufrieden.
Bevor ich den Stall für die Nacht verschließe, bekommen die beiden Mädchen noch frisches Wasser und Futter von mir. Als ich aus dem Stall komme, läuft Trixie mir entgegen. Den halben Tag über sehe ich sie kaum. Die meiste Zeit hält sie sich bei George auf, aber abends, wenn es ans Essen geht, ist sie pünktlich und begrüßt mich mit wedelndem Schwanz vor dem Haus. Wahrscheinlich liegt es aber an George, der sie mitbringt, wenn er zum Abendbrot kommt.
Ich streichle über ihr tiefschwarzes Fell, als sie meine Hand mit ihrer kühlen, feuchten Nase anstupst, dann öffne ich die Fliegengittertür und die Haustür und lasse sie an mir vorbei in den kleinen Flur laufen, in dem ich die schmutzigen Gummistiefel auf die dafür vorgesehene Unterlage stelle. Ich begrüße George, der in der Küche den Tisch für uns deckt und gehe dann nach oben, um zu duschen, bevor ich mich zu ihm an den Tisch setze.
»Wie war dein Tag?«, frage ich den alten Mann, der mit gerunzelter Stirn von seinem Chili aufsieht. Seine Stirn kann er sehr tief runzeln und dabei sehr unwillig aussehen. Ich weiß nicht, ob das an seiner Halbglatze liegt, oder weil er einfach jemand ist, der immer grimmig aussieht. Aber ich habe mich daran gewöhnt, weswegen mich auch das grummeligste Brummen nicht mehr beeindrucken kann. Hinter George steckt in Wirklichkeit ein gemütlicher und sehr freundlicher älterer Herr.
»Der Traktor springt nicht mehr an«, antwortet er knapp, dann isst er weiter.
Wenn der Traktor nicht mehr anspringt, bedeutet das, dass wir kein Heu mehr machen können. Unsere Wiesen werfen ohnehin nicht genug für den ganzen Winter ab, aber für uns ist jeder Heuballen wichtig, weil wir von den umliegenden Farmen nichts bekommen. Wir müssen die Ballen von weiter weg anliefern lassen und das kostet Geld. Auch, wenn ich es mir leisten könnte, muss ich vorsichtig mit meinen Ausgaben sein. »Und du weißt nicht, wie man ihn reparieren kann?«
George kaut ruhig, dann schluckt er sehr langsam. »Ich weiß es schon, aber ich kann das unmöglich ohne Hilfe reparieren.«
Die Frage, ob ich ihm helfen könnte, spare ich mir, sein Blick ermahnt mich deutlich, diese Frage auch nur in Betracht zu ziehen. »Dann werde ich es in die Jobbörse stellen.«
»Hmm«, macht George. Das Internet ist für ihn etwas von einem anderen Planeten. Vielleicht auch die Hölle persönlich. Auf jeden Fall findet er es suspekt genug, um immer, wenn ich es anspreche, dieses merkwürdige »Hmm« auszustoßen.
Wir essen ruhig weiter, viel reden tun wir nie. Wir beschränken es auf das nötigste und das ist uns beiden sehr recht. Wenn es darauf ankommt, dann findet George die richtigen Worte, das weiß ich. Er hat sie auch gefunden, als er mir mit erstaunlich vielen Sätzen klargemacht hat, dass es diese Ranch nur mit ihm Bella, Camilla, Trixie und ihm gibt. Und den paar Hühnern die in und um die Scheune herum leben, die ich aber kaum beachte, weil Hühner mir nicht geheuer sind. Nur ihre Eier mag ich gern. Draußen auf der Südkoppel am Waldrand hat George auch noch ein paar Bienenstöcke, um die er sich so große Sorgen macht, dass er mir ständig zeigen will, wie man mit ihnen umgeht, für den Fall, dass er mal nicht mehr ist. Aber ich habe zu viel Angst, weswegen ich ihm immer sage, ich werde sie dann in die sorgsamen Hände von jemanden gebe, der sich damit auskennt. Das wird dann für fünf Sätze zum Streitpunkt zwischen uns, bis George sich einfach umdreht und geht.
»Ich wasche ab«, sagt George und steht auf.
»Nein, ich mach das schon«, sage ich und lege eine Hand auf seine, die gerade nach meinem Teller greifen will. »Heute ist Mittwoch, kommt nicht gleich »Unsere kleine Farm«?, frage ich ihn, weil ich weiß, dass diese Serie seine Leidenschaft ist. Manchmal erzählt er mir schimpfend, was seiner Meinung nach, nicht richtig recherchiert wurde.
»Also gut«, sagt er. »Ich geh dann mal rüber.«
Ich stehe auf, räume das Geschirr in die Spüle und beginne, es mit der Hand zu spülen. Die Küche ist schon etwa so alt, wie die Ranch selbst: 97 Jahre alt. Alles hier im Haus ist mindestens so alt. Anfangs habe ich überlegt, es zu modernisieren. Neue Möbel, vielleicht einen Fernseher, einen Geschirrspüler oder ein modernes Bad. Aber die einzigen modernen Dinge, die ich in das Haus geholt habe, sind eine Waschmaschine, meinen Laptop und eine Dusche. Denn so sehr mich das alles zu Beginn hier gestört hat, jetzt habe ich erkannt, dass genau diese Dinge es sind, die den Charme meiner Abgeschiedenheit ausmachen.
Ich trockne mir die Hände ab, als es an der Tür klopft. George klopft niemals an, weswegen ich sofort in Alarmbereitschaft bin. Es gibt nicht viele Menschen, die hier rauskommen, der Postbote, weil er es muss, der Tierarzt, weil er sich von niemanden abhalten lässt, wenn ein Tier ihn braucht, mein Ex-Ehemann, weil er es kann. Da es zu spät für die Post ist, ich den Tierarzt nicht gerufen habe, bleibt nur noch eine Person übrig: mein Ex-Mann. Ich seufze schwer, hänge das Hadtuch an den metallenen Haken neben dem Spülbecken und gehe zur Tür.

 

bella

Blogstory: The Air we breathe

 

Pageflex Persona [document: PRS0000033_00002]

 

Nach einer unschönen Ehe kauft sich Tessa Carmichael eine kleine Farm und lebt dort recht zurückgezogen am Rande einer Kleinstadt. Eines Abends steht ein Soldat vor ihrer Tür und behauptet, diese Farm würde ihm gehören. Liam Thompson hat nicht ganz Unrecht, Tessa kennt sein Gesicht aus dem Fernsehen. Er ist der Soldat, der fünf Jahre lang ein Gefangener von Terroristen war. Alle hatten ihn für tot gehalten und so wurde die Farm nach dem Tod seiner Großmutter an Tessa verkauft. Liam sieht so müde aus, dass Tessa ihn nicht einfach wegschicken will, sie lässt ihn in ihr Haus. Für eine Nacht. Doch aus einer Nacht werden viele und Tessa und Liam kommen sich langsam immer näher, bis sie beide von ihrer Vergangenheit eingeholt werden.