Blogstory Teil 5

Liam

Es ist heiß heute. Im Moment kann ich nicht sagen, was schlimmer ist, die brennende Hitze draußen vor der Scheune, oder die warme, dicke, stickige Luft hier drinnen, die sich so schwer atmen lässt, als hättest du einen staubigen, dreckigen Lumpen vor Mund und Nase. Ein Gefühl, dass ich während meiner Gefangenschaft kennengelernt habe. In den ersten Monaten waren meine Gefangenenwärter noch kreativ in ihren Foltermethoden.

Ich wische mir über die Stirn, die wahrscheinlich längst genauso ölverschmiert ist, wie meine Hände.

George gibt mir schweigend den Schraubenschlüssel, gesprächig war er noch nie. Aber die Stimmung zwischen uns ist sehr angespannt, wahrscheinlich hat er keine Ahnung, wie er mit mir umgehen soll. Dass haben sie alle nicht. Alle behandeln mich seit meiner Rückkehr wie etwas Zerbrechliches, selbst die Leute der Regierung und der Navy, die mich mehrere Tage lang verhört haben und immer wieder wissen wollten, was ich gesehen, gehört, erlebt habe. Ob ich brauchbare Informationen über die Terroristen habe.

Ich muss versuchen, ihm irgendwie die Scheu vor mir zu nehmen, sonst macht mich dieses Gefühl, bemitleidet zu werden, wahnsinnig. Ich nehme den Schraubenschlüssel und beuge mich wieder über den Motor des kleinen Traktors, den ich mit zehn Jahren zum ersten Mal selbst gefahren habe. Ich habe ihn mitten in den Weidezaun gesteuert und George hat mir den Hintern versohlt.

»Du lebst hier draußen also ganz allein mit einer hübschen Frau«, murmle ich, während ich eine Schraube lockere.

»Hübsch ist sie. Das ist dir also nicht entgangen«, stellt George fest und verzieht die Lippen zu einem breiten Grinsen.

»Unmöglich, diesen Hintern zu übersehen«, sage ich scherzhaft. Aber es ist die reine Wahrheit, dieses Mädchen hat einen traumhaften Arsch, der für Jeans geradezu gemacht ist. Und ihre langen, schlanken Beine sind auch nicht zu verachten.

George sieht mich einen Moment lang ernst an. Er hat diese Art Blick, von der ich weiß, dass er mir etwas sagen wird, dass mir nicht gefallen wird. Mein Magen erkennt diesen Blick auch sofort wieder, denn er verkrampft sich.

»Sie war mit Mark verheiratet. Die Sache ist noch nicht ausgestanden. Dein Kumpel ist ein richtiger Drecksack geworden.«

Ich verziehe das Gesicht und stöhne leise. Mark, ich habe viele Dinge aus meiner Vergangenheit während meiner Gefangenschaft weit weggeschoben und nicht mehr hervorgeholt, weil ich sie nicht mit dem Dreck, den ich erlebt habe, beschmutzen wollte. Mark habe ich nie weggeschoben. An ihm und dem, was unsere Freundschaft zerstört hat, habe ich festgehalten, um mich zu bestrafen, mehr noch, als die Terroristen es je konnten.

»Sollte ich es wissen?«, frage ich möglichst ungerührt und mache mich weiter an die Arbeit.

»Vielleicht später mal.«

Später könnte auch vielleicht nie bedeuten, denn ich werde nicht lange bleiben können. Dies hier ist, auch wenn ich es gern hätte, nicht mehr mein Zuhause, es gehört jetzt ihr. Und auch, wenn ich zuerst wütend war und dieses Zuhause zurückfordern wollte, weiß ich, dass ich es ihr nicht antun könnte. Diese Frau scheint durch und durch gut zu sein und sie hat anderes verdient. Ich werde bleiben, solange ich glaube, dass es für uns beide okay ist.

»Ich habe Iced Tea gemacht.« Ihre weiche Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich hebe den Kopf und mir stockt der Atem für einen Moment. Sie steht dort am Eingang zur Scheune, in den Händen ein Tablett mit Gläsern und einem in der Hitze schwitzenden Krug, und trägt die kürzeste, knappste Shorts, die ich seit sehr langer Zeit gesehen habe. Verdammt, diese Frau muss den Verstand verloren haben! Ist ja nicht so, als hätte ich so einen Anblick in den letzten fünf Jahren häufig gesehen.

Ich lecke mir über die trockenen Lippen. »Danke«, sage ich mit kratziger Stimme und gehe ihr entgegen, um ihr das Tablett abzunehmen. Als ich ihr gegenüber stehe, blickt sie mir in die Augen und ich weiß, Mark ist ein verdammter Idiot. Was auch immer er ihr angetan hat, wäre sie meine Frau gewesen, hätte ich sie nicht mehr gehenlassen. Man macht den gleichen Fehler nicht zweimal. Aber wenn doch? Vielleicht sollte ich mich lieber von ihr fernhalten, denn ich möchte nicht rausfinden, ob ich den gleichen Fehler zwei Mal begehen würde.

Tessa

Liam steht vor mir und greift nach dem Tablett. Irgendwie habe ich die Fähigkeit verloren, meine Finger zu kontrollieren, denn ich kann es nicht loslassen. Stattdessen starre ich auf seine breite, nackte, ölverschmierte und in der Sonne verschwitzt, glänzende Brust. Ich brauche wirklich jedes Fünkchen Kraft, das ich aufbringen kann, um meinen Blick von ihm zu lösen, und das Tablett loszulassen. Wahrscheinlich sollte ich mich entschuldigen, denn seinem breiten Grinsen nach zu urteilen, hat er meinen kurzzeitigen Kontrollverlust bemerkt.

Ich wende den Blick ab und gehe zwei Schritte zurück, um mich aus seiner gefährlichen Nähe zu bringen. Von Kerlen wie ihm sollte ich wirklich genug haben: gutaussehend, gut gebaut, schweigsam und verletzt, innerlich tief zerrissen. Das hatte ich schon. Trotzdem spielen meine Hormone offensichtlich völlig verrückt, wenn ich in seiner Nähe bin.

Liam wendet sich einem kleinen Tischchen zu, auf dem allerlei Werkzeug liegt, das er beiseite schiebt, dann stellt er das Tablett darauf ab. Als er mir den Rücken zukehrt, stoße ich einen schockierten Laut aus, und schlage mir erschrocken auf den Mund. Sein Rücken ist übersät mit Narben. Tiefe, wulstige Narben. Ich habe so etwas noch nie gesehen – wo auch? -, aber ich vermute, diese Narben stammen von Peitschenhieben. Er dreht sich zu mir um und entdeckt wohl meinen Gesichtsausdruck, denn er presst die Lippen fest aufeinander.

»Tut mir leid«, entschuldige ich mich hastig. »Ich hab nur nicht damit gerechnet. Das hat mich irgendwie unvorbereitet getroffen.«

Er konzentriert sich darauf, die Gläser mit Tee zu füllen und kommt mit zwei Gläsern auf mich zu. »Schon okay, ich werde mich irgendwann daran gewöhnen, dass die Menschen so reagieren«, meint er lachend und gibt mir ein Glas, das andere reicht er George, der mit dem Kopf schüttelt.

»Vielleicht später. Ich seh mal nach den Tieren.«

George verlässt die Scheune und lässt mich mit Liam allein zurück. Als mir das bewusst wird, beschleunigt sich mein Puls. Ich werde mir mit jeder Sekunde in Liams Nähe sicherer, dass die lange Zeit allein mit George mir die Fähigkeit genommen haben muss, mit anderen Menschen zu kommunizieren, denn jetzt stehe ich hier mit einem Glas in der Hand und fühle mich völlig hilflos. Was sagt man zu einem Mann, der wohl glaubt, dass ich vor Mitleid mit ihm zergehe. Ich weiß, dass Mitleid genau das ist, was viele Menschen, die Schlimmes gesehen und erlebt haben, nicht haben wollen. Bis auf Mark vielleicht, der vom Mitleid der Menschen um ihn herum profitiert. Dessen ganzes Leben nur auf Mitleid beruht.

Liam hebt grinsend sein Glas an die Lippen und trinkt, dabei tropft Schwitzwasser auf seine schmutzige Brust, was meinen Blick wieder dorthin zerrt. Hastig trinke ich auch einen Schluck, nur um nicht wieder die Kontrolle zu verlieren.

»Könnte von meiner Großmutter sein«, sagt er zufrieden.

»Sie hat mir ihr Rezept gegeben«, erkläre ich und nehme noch einen Schluck, um mich runterzukühlen.

»Es wird wahrscheinlich nicht einfach mit mir werden«, sagt er. »Ich bin kein besonders umgänglicher Typ.«

»Dann sind wir schon zwei.«

»Diese Hosen«, meint er und zieht einen Mundwinkel hoch. »Das schönste, was ich seit sehr langer Zeit zu Gesicht bekomme.«

»Solange es nur die Hosen sind, kommen wir beide klar«, entgegne ich und verlasse die Scheune. Die Hosen dürfen ihm  gern gefallen. Das, was in den Hosen steckt, ist für alle Zeiten fertig mit der Männerwelt. Ich genieße ihren Anblick, gelegentlich habe ich auch mal Lust auf einen Flirt, aber darüber hinaus, lasse ich nichts zu.

 

iced-tea

7 Kommentare

  1. Barbara Prill

    Oh…das ist so schön, ich kann es kaum erwarten, wie es weiter geht. Großartig geschrieben Elena 👍

  2. Sooo toll…. Ich mag die beiden jetzt schon. 😍😃👍🏽 Bin immer noch gespannt was es mit Mark auf sich hat. Bei ihm und bei ihr… 🤔😐😅

  3. Ich bin mal gespannt wie es mit den beiden weiter geht.
    Man soll ja nie ; nie sagen 😆
    Ach ja ; Danke für das Rezept vom Eistee.

  4. uiui da knistert es aber gewaltig gg das wird spannend!
    Das Eistee-Rezept klingt aber interessant! 🙂

  5. Das knistert aber schon gewaltig zwischen den beiden, hm?😉

    Wieso spricht er davon, dass er sie nicht ein zweites Mal gehen lassen würde?? Hat er sie denn schon mal gegen lassen?? Wollte er womöglich seinem ehemals Freund nicht im die Quere kommen?

    Oha…ich sehe da einiges auf uns zukommen…du machst es ja echt spannend😊
    Glg Britta😘

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