Blogstory Teil 4

Tessa

Ich stelle eine Tasse mit Earl Grey vor George, der morgens immer Tee trinkt, weil er so früh am Tag keinen Kaffee verträgt, wie er gern behauptet. Dann wende ich mich wieder dem Speck zu, der in der Pfanne brutzelt. Ich unterdrücke ein Gähnen. Seit ich auf der Ranch lebe, stehe ich deutlich früher auf, als ich das in meinem alten Leben getan habe. George besteht darauf, dass die Tier schon vor dem Morgengrauen versorgt werden. Ich habe mich an das frühe Aufstehen gewöhnt, aber in der vergangenen Nacht, habe ich nicht mehr fiel geschlafen, nachdem Liams laute Schreie mich aus dem Schlaf gerissen hatten.

Ich teile den Speck auf die drei Teller mit Ei auf und wende mich aber noch nicht gleich um, um sie auf den Tisch zu stellen. In meinem Rücken redet George auf Liam ein. Man kann am Zittern seiner Stimme hören, wie aufgewühlt der alte Mann ist. Als er vorhin in die Küche kam und Liam am Tisch sitzen sah, ist er in Tränen ausgebrochen und wäre fast in die Knie gegangen, hätte Liam ihn nicht aufgefangen.

»Es ist verdammt schade, dass deine Großmutter das nicht mehr erleben durfte«, sagt George und stößt einen lauten, schweren Seufzer aus. Ich höre ihn ihn seiner Tasse rühren. Er rührt seinen Tee immer lange und ausgiebig um. Lange genug, damit er sicher sein kann, dass kein Zucker mehr auf dem Boden der Tasse liegt.

»Ist es«, gibt Liam leise von sich.

Ihn kann ich viel schlechter einschätzen als George, da ich ihn ja kaum kenne. Ich bin mir nicht sicher, ob er eher traurig ist, weil seine Großmutter nicht mehr lebt, oder ob es ihn überwältigt, dass George noch da ist. Vielleicht ist er auch nur völlig damit überfordert, dass George ihn mit Fragen attackiert.

»Sie hat jeden Tag auf der Terrasse gesessen, die Straße runtergeschaut und zu mir gesagt, dass du eines Tages diesen Weg entlangkommen wirst. Sie war sich so sicher. Und ich konnte es ihr nicht ausreden.« George seufzt wieder und Liam brummt leise.

Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich fühle mich, als wäre ich ein Eindringling, als würde ich hier nicht hergehören. George und Liam, sie gehören hierher, aber nicht ich. Ich atme zitternd ein und nehme zwei Teller, setze ein Lächeln auf und drehe mich zu den beiden Männern um. George sieht lächelnd zu mir auf, aber in seinem Gesicht erkenne ich wie aufgewühlt er ist. Der Junge, den er hat zu einem Mann werden sehen, und von dem er geglaubt hat, er wäre tot, sitzt neben ihm in der Küche, in der sie viele Jahre zusammen gegessen haben. Und ich glaube, er fühlt sich genauso ratlos wie ich, denn sein Blick wirkt auch fragend auf mich.

Liam bedankt sich bei mir, aber sein Blick weicht meinem hastig aus. Wahrscheinlich ist ihm die vergangene Nacht peinlich. Aber das muss sie nicht. Solche Dinge geschehen mit Menschen, die weniger Schlimmes erlebt haben als er. Ich nehme meinen Teller und setze mich ihm gegenüber. Ich kann nicht verhindern, dass meine Augen über seinen Oberkörper gleiten, die breite Brust, die muskulösen Oberarme, die den Stoff des Shirts über die Maßen dehnen. Auf seinem Unterarm entdecke ich eine breite Narbe, die das Tattoo des Seals Team Six in zwei Hälften spaltet. Der Seeadler, der auf einem Anker sitzt, ein Gewehr und einen Dreizack zwischen den Krallen, wird von der wulstigen Narbe geradezu geköpft. Ich frage mich, ob das die Terroristen waren oder er es sich selbst angetan hat?

»Der alte Traktor ist kaputt«, sagt George kauend und schiebt das Ei auf seinem Teller mit der Gabel hin und her, als läge ihm etwas auf dem Herzen und er wüsste nicht, wie er es sage könne.

Liam sieht mich an und dieser Blick aus seinen Augen lässt meine Haut kribbeln. Obwohl seine Augen so hell sind, habe ich das Gefühl, dass sie von Dunkelheit beherrscht werden. Dieser Mann sieht unglaublich attraktiv aus und mein Körper ist sich dessen mit jeder Faser bewusst. Ich weiß, ich sollte wegsehen, aber ich fühle mich wie gefesselt.

»Ich fahre dann in die Stadt und nehme mir erstmal ein Zimmer. Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht«, sagt Liam und widmet sich wieder seinem Essen.

George verzieht enttäuscht das Gesicht. »Du bist gerade erst zurück. Das hier ist dein Zuhause.«

Ich verschlucke mich fast und muss mich anstrengen, Luft zu bekommen. Ich fühle mich plötzlich noch schuldiger. Noch mehr fehl am Platz.

»Jetzt ist es das nicht mehr«, sagt Liam und sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an.

Ja, eindeutig schuldig. Mir dreht sich der Magen um und ich schiebe meinen Teller weg. Ich bin drauf und dran, mich für etwas zu entschuldigen, das nicht meine Schuld ist. Woher sollte ich denn wissen, dass der Erbe dieser Ranch zurückkommen würde?

»Ich brauch jemanden, der den Traktor mit mir repariert«, sagt George trotzig und sieht mich herausfordernd an.

Was bleibt mir anderes übrig? Ich lasse mich von meinen negativen Gefühlen überrumpeln, denn mein Verstand weiß, dass das hier eine wirklich schlechte Idee ist. Aber ich kann ihn doch nicht einfach vor die Tür setzen. »Du kannst bleiben. Vorerst. Solange du willst«, stammle ich, stehe vom Tisch auf, räume hastig meinen Teller und meine Tasse in die Spüle und verlasse die Küche, so schnell ich kann. Ich weiß nicht einmal genau, warum ich es so eilig habe.

Liam

»Na dann wäre das ja geklärt«, brummt George zufrieden, während ich dieser Frau verwirrt hinterher starre. Hat sie denn völlig den Verstand verloren? Sie kann doch einen Wildfremden nicht bei sich wohnen lassen. Noch dazu einen wie mich. Ich will aufstehen und hinter ihr her. Aber im gleichen Moment wird mir klar, dass ich es nicht kann, denn ich will hierbleiben. Weil ich nichts anderes habe, und weil dieser Ort der einzige Ort ist, zu dem ich immer zurückkehren wollte. Für den ich jeden Atemzug gemacht habe, all die Jahre.

Ich beiße die Kiefer fest aufeinander und wende mich George zu, er mich hoffnungsvoll ansieht. Wahrscheinlich würde der alte Mann mich umbringen, wenn ich nicht bleiben würde.

»Sie ist nicht besonders schlau, oder?«, stoße ich leise hervor und wende mich den Eiern zu. Frühstück kann die Kleine machen. Vielleicht schmeckt es mir aber auch nur so gut, weil ich lange nichts mehr gegessen habe, was nicht aussah wie Abfälle, bis auf den Krankenhausfraß, den ich nach meiner Befreiung bekommen habe.

»Doch ist sie, sehr sogar. Sie ist ein tolles Mädchen, hat nur viel durchgemacht.«

Viel durchgemacht? Der Gedanke gefällt mir nicht, aber ich frage nicht nach, weil ich finde, dass es mich nichts angeht. Wenn sie will, dass ich es weiß, wird sie mir davon erzählen. Und wenn nicht, würde ich es auch verstehen. Ich habe auch Dinge erlebt, die ich nicht erzählen möchte. Nicht ihr, nicht George. Niemanden. Aber irgendwie macht sich ein komisches Gefühl in mir breit, eins das mich glauben lässt, ich müsste versuchen, sie zu schützen, so wie sie mich schützt. Denn das tut sie, weil ich sicher bin, dass nur diese Ranch mich davon abhält, zu zerbrechen. Ich brauche dieses Gefühl, zu Hause zu sein. Ich brauche es sehr. Und das, obwohl ich auch in diesem verdammten Kaff eine Vergangenheit habe, an die ich ungern zurückdenke.

»Wollen wir nun diesen verdammten Traktor reparieren?«, will George ungeduldig wissen.

Ich stehe auf, räume unser Geschirr in die Spüle und nicke. »Dann sorgen wir mal dafür, dass ich mich hier nützlich machen kann.«

7 Kommentare

  1. ❤️ Bin gespannt was die beiden noch zu erzählen haben. By the Way, ich mag George. Zucker am Tassenboden ist Bäh…. 😁😜

  2. Barbara Prill

    Wie schön, das ist so toll, dass sie ihn bleiben lässt. Bin sehr neugierig, wie es sich zwischen ihnen entwickeln wird und was sie so schlimmes erlebt hat.

  3. Schöner Anfang, aber ich denke die beiden werden noch einiges erleben.
    Schönen Sonntag allen Lesern und Dir liebe Elena MacKenzie. 💖
    LG Jette

  4. Ich denke , da haben die beiden wohl.ein ganz schönes Päckchen zu tragen 😐

    Der arme George…ich mag ihn total❤
    Wie er trotzig darauf beharrt , dass er ja jemanden für den Traktor braucht…seufz…

    Ich denke , die drei könnten ein schönes Gespann abgeben…sie gegen den blöden Ex-Mann? Denn dass der noch auftaucht, davon bin ich überzeugt …🤔

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